Ketogene Diät – Ernährung bei Krebs

Die ketogene Ernährung ist ein ernährungstherapeutischer Behandlungsansatz zur Unterstützung der konventionellen Krebstherapie. Das Besondere an dieser Ernährungstherapie ist, dass sie gezielt auf Stoffwechselbesonderheiten von Krebszellen einwirkt und „Schwächen“ dieser Stoffwechselveränderungen ausnutzt.

→ Was bedeutet ketogene Ernährung?
→ Von der Hypothese zum Ernährungskonzept
→ Überlebensvorteil Zuckervergärung
→ Wachstumsfaktor Insulin
→ Ketogene Ernährung statt Fasten
→ Welche Belege für die Wirksamkeit gibt es bisher?
→ Warum sich der Versuch lohnt?

Krebszellen nehmen im Vergleich zum umliegenden Gewebe enorme Mengen Zucker in Form von Glukose (Traubenzucker) auf, um den erhöhten Energiebedarf für Wachstum und Vermehrung zu sichern. Doch während die meisten gesunden Zellen Nährstoffe „verbrennen“, zeigen viele, insbesondere aggressive, metastasierende und therapieresistente Krebszellen eine ungewöhnlich hohe Vergärungsrate von Zucker selbst in Anwesenheit von Sauerstoff [1]. Neuere Untersuchungen konnten klären, dass sich die Krebszelle durch die Umstellung auf diesen alternativen Energiegewinnungsweg selbst vor oxidativen Stress schützt [2] [3]. Gleichzeitig hemmt sie hierdurch aber auch die Wirksamkeit vieler Chemotherapeutika und Bestrahlungsformen. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelte sich das Konzept, durch eine deutliche Reduktion der Zuckerzufuhr Krebszellen den wichtigen Energielieferanten vorzuenthalten bzw. den oxidativen Stress in der Tumorzelle zu erhöhen [4] [5] [6].

→ Ein wichtiger Hinweis bereits vorab:

Ketogene Ernährungskonzepte dienen lediglich zur Unterstützung einer vom behandelnden Onkologen vorgeschlagenen Therapie. Sie sollen durch Auswahl energie- und nährstoffreicher Lebensmittel helfen, die körperliche Verfassung des Patienten zu stärken und die Verträglichkeit sowie den Behandlungserfolg der angewandten Therapiemethode zu verbessern. Im Gegensatz zu vielen zweifelhaften und vielfach kritisierten „Krebs-Diäten“ erhebt die ketogene Krebsernährung KEINEN Anspruch darauf, selbst Krebs heilen zu können und konventionelle Therapieverfahren wie Chemo- oder Strahlentherapie überflüssig zu machen.

Was bedeutet ketogene Ernährung?

Typisch für eine ketogene Ernährungsform sind ein sehr hoher Fett- und ein ausgesprochen geringer Kohlenhydratanteil. In Zahlen ausgedrückt heißt das, dass etwa 75-80 % der zugeführten Energie aus Fett, etwa 15-20 % aus Eiweiß und nur circa 5 % aus Kohlenhydraten stammen.

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Nährstoffverteilung verschiedener Ernährungsformen

Der Name „ketogen“ bedeutet sinngemäß „Ketonkörper-bildend“, was ein wesentlicher Effekt dieser Ernährungsform ist. Ketonkörper wie Acetoacetat, β-Hydroxybuttersäure und Aceton sind Fettabkömmlinge, die einst eine überlebenswichtige Energiequelle für den Körper darstellten. In Phasen mit Nahrungsknappheit beginnt der Körper seine Speicher im Fettgewebe abzubauen. Die Fette gelangen in die Leber, werden zu Ketonkörpern umgebaut und diese zur Versorgung insbesondere des Gehirns wieder in den Blutkreislauf abgegeben. Auf diese Weise konnte der Mensch auch in Hungerperioden einige Zeit überleben. Aufgrund des hohen Kohlenhydratangebots unserer modernen Ernährung, erreichen gesunde Menschen eine solche als Ketose bezeichnete Stoffwechsellage heute meist nur noch beim Fasten.

→ Ketose durch ketogene Ernährung

Mitthilfe einer ketogenen Ernährung ist es jedoch auch ohne Nahrungsverzicht möglich, einen ketogenen Stoffwechsel zu erreichen. Durch die sehr geringe Kohlenhydrat- bzw. Zuckeraufnahme wird der Blutzuckerspiegel nicht erhöht und somit kein zusätzliches Insulin freigesetzt. Das Hormon ist normalerweise der Signalgeber, der den Körper die aufgenommenen Fette in die Fettzellen einlagern lässt. Ohne dieses Signal ist der Körper jedoch gezwungen, die zugeführten Fette direkt zu verwerten und teilweise zu Ketonkörpern umzubauen.

→ Klinisch bewährt

Das Prinzip, durch eine ketogene Ernährung einen fastenähnlichen Stoffwechselzustand zu erreichen, bewährt sich klinisch bereits seit Jahrzehnten bei Epilepsiepatienten. Nachdem Mediziner Anfang der 20er Jahre die lindernde Wirkung des Fastens auf die Anfallshäufigkeit erkannten, etablierte sich bis zur Einführung der ersten Epilepsiemedikamente die öl- und eiweißbetonte Ernährung als anerkannte Therapiemethode. Auch heute ist eine ketogene Diät das Mittel der Wahl bei Epilepsiepatienten, die auf keines der gängigen Medikamente ansprechen.
Auch bei anderen Krankheitsbildern wird mittlerweile über einen therapeutischen Nutzen der ketogenen Ernährung diskutiert: neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson[7] und ALS[8], neurologische Störungen wie Autismus[9] oder auch Stoffwechselstörungen wie das polyzystische Ovarialsyndrom[10] oder Typ-2-Diabetes[11].

Von der Hypothese zum Ernährungskonzept

Bereits 1924 erkannte der deutsche Biochemiker und spätere Nobelpreisträger Otto Warburg die besondere Energiegewinnung von Krebszellen. Bei seinen Untersuchungen an gesunden und entarteten Zellen stellte er ungewöhnlich hohe Konzentrationen an Milchsäure in den Krebszellen fest – auch dann noch, wenn er die Zellen Sauerstoff aussetzte [12]. Das war ungewöhnlich, da die meisten gesunden Zellen diese nur bei Sauerstoffmangel, also unter anaeroben Bedingungen, produzieren.
Milchsäure entsteht bei der Vergärung von Zucker (anaerobe Glykolyse). Dieser Energiegewinnungsweg ist energetisch gesehen eher ineffektiv, benötigt allerdings keinen Sauerstoff. Für die meisten Zellen ist dieser Weg eine Art „Notlösung“, um bei vorübergehendem Sauerstoffmangel – wie er beispielsweise bei intensivem Training in den Muskelzellen auftreten kann – weiterhin Energie bilden zu können. Sobald wieder Sauerstoff zur Verfügung steht, kehren gesunde Zellen zur gewohnten Energiegewinnung über die zelleigenen „Kraftwerke“, die Mitochondrien, zurück.
Warburg vermutete, dass die Mitochondrien der Krebszellen gestört sein müssen und stellte die Hypothese auf, dass hierin die Ursache für Krebserkrankungen läge. Ein wichtiges Indiz hierfür war für ihn zudem die Beobachtung, dass aggressiv wachsende Krebszellen den veränderten Energiestoffwechsel zeigten, Zellen aus gutartigen Tumoren hingegen nicht. Spätestens mit der Aufklärung der DNA-Struktur in den 50er Jahren und dem Bekanntwerden von krebserzeugenden Erbgutveränderungen wurde Warburgs Hypothese von den geschädigten Mitochondrien als Krebsauslöser jedoch ad acta gelegt.
Der Warburg-Effekt, also die Vergärung von Zucker trotz Sauerstoff, die Warburg selbst als „aerobe Glykolyse“ bezeichnete, konnte hingegen in den letzten Jahren von mehreren Forschungsgruppen bestätigt werden[13] [14]. Und auch Warburgs Vermutung, dass hierin ein wichtiger Ansatzpunkt für die Krebstherapie stecken könnte, erweist sich in immer mehr Studien als richtig. Ebenso gilt es heute als unbestritten, das bösartige Tumore hohe Mengen an Glukose konsumieren. Diese Besonderheit wird sogar bereits diagnostisch bei der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) genutzt. Hierbei wird dem Patienten schwach radioaktiv markierte Glukose injiziert, die sich in stark Glukose-abhängigen Geweben anreichert und während der Tomographie sichtbar wird. So kann der Radiologe mögliche Krebsherde lokalisieren.

→ Einflussfaktor Ernährung

Heute weiß man, das bestimmte Ernährungsfaktoren wie etwa Nitrosamine im Pökelfleisch oder Schimmelpilzgifte auf ranzigen Nüssen krebserregende Erbgutschäden verursachen können. Ebenso sind sich Mediziner weitgehend sicher, dass spezielle Lebensmittelinhaltsstoffe wie bestimmte Vitamine, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe der Krebsentstehung entgegenwirken können. Dennoch wird es auch zunehmend deutlich, dass neben der genetischen Komponente, Krebs auch eine starke Stoffwechselkomponente hat. So spielen nicht nur einzelne Substanzen, die mit dem Erbgut, der DNA, interagieren eine Rolle. Auch die gesamte Ernährung, die in ihrer Ganzheit einen starken Einfluss auf unseren Stoffwechsel ausübt, wirkt sich hierüber auf die Entstehung, Entwicklung und Behandlung von Krebs aus. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Überlegung, durch eine ketogene Ernährung gezielt Stoffwechselprozesse zu beeinflussen, die für das Wachstum und die Ausbreitung von Krebszellen bedeutsam sind.

ZellatmungZuckervergärungKrebszellen

Zellatmung: Energiegewinnung bei ausreichend Sauerstoff

energie-zellatmung-350Bei den meisten gesunden Körperzellen findet die Energiegewinnung in den zelleigenen „Kraftwerken“, den Mitochondrien statt. Zucker, Fette und teilweise auch Aminosäuren (Eiweißbausteine) werden hierbei zunächst zu Zwischenprodukten abgebaut, die anschließend in die Mitochondrien eingeschleust und zur Bildung des Energieträgers ATP genutzt werden.
Zucker wie Glukose werden hierfür über einen als Glykolyse bezeichneten Prozess zu Pyruvat abgebaut. Das Besondere am Zuckerabbau ist, dass hierbei bereits außerhalb der Mitochondrien 2 Moleküle des Energieträgers ATP anfallen.
Pyruvat gelangt anschließend in die Mitochondrien und wird dort zu Acetyl-CoA umgewandelt. Acetyl-CoA ist ein zentrales Zwischenprodukt im Energiestoffwechsel, das in der folgenden „Zellatmung“ zwei mehrstufige Stoffwechselprozesse (Citratzyklus und oxidative Phosphorylierung) durchläuft, an deren Ende die Bildung des Energieträgers ATP steht. Für diesen letzten Schritt wird Sauerstoff benötigt, der während der Zellatmung zu Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasser (H2O) oxidiert.
Unter bestimmten Umständen verläuft dieser letzte Schritt jedoch nicht wie geplant, so dass stattdessen Radikale wie Wasserstoffperoxid (H2O2) entstehen.

Anaerobe Glykolyse: Energiegewinnung bei Sauerstoffmangel

energie-vergaerung-350Bei vorübergehendem Sauerstoffmangel kann der letzte Schritt der ATP-Bildung in den Mitochondrien nicht umgesetzt werden. Dies geschieht z. B. in gesunden Muskelzellen bei intensiver körperlicher Anstrengung, wenn mehr Sauerstoff für die Energiegewinnung verbraucht, als über die Blutbahn nachgeliefert wird. Um die Energiegewinnung weiterhin aufrecht zu erhalten, nutzen die Zellen den ATP-bildenden Schritt der Glykolyse. Da die Weiterverarbeitung des Pyruvats in den Mitochondrien nicht möglich ist, wird dieses stattdessen zu Milchsäure umgewandelt.

Da dieser Energiegewinnungsweg ausgesprochen ineffizient ist (pro Zuckermolekül fallen lediglich 2 ATP-Moleküle an), wechseln die Zellen rasch wieder zur Zellatmung, sobald Sauerstoff vorhanden ist.

Aerobe Glykolyse: Energiegewinnung aggressiver Krebszellen

energie-krebszelle-350Vergärende Krebszellen zeigen einen Energiestoffwechsel ähnlich der anaeroben Glykolyse auch in Anwesenheit von Sauerstoff (also auch unter aeroben Bedingungen). Da während des Kohlenhydratabbaus pro Glukoseeinheit lediglich 2 ATP gebildet werden, ist die Krebszelle zur Deckung ihres immensen Energiebedarfs auf eine hohe Zufuhr an Kohlenhydraten angewiesen.

Gleichzeitig fallen enorme Mengen Milchsäure an, die zum Schutz der Krebszelle nach außen transportiert wird. Ein Teil des Laktats (Salz der Milchsäure) gelangt zur Leber, wird dort zu Glukose umgewandelt, die der Krebszelle wiederum als Energiequelle dienen kann. Ein weiterer Teil schafft ein schädliches, saures Milieu um das Tumorgewebe, das einerseits das umliegende Gewebe zerstört und gleichzeitig die Krebszellen vor dem Angriff durch Immunzellen schützt.

Überlebensvorteil Zuckervergärung

Die Umstellung auf die Zuckervergärung bedeutet eine geringe Energieausbeute pro Glukoseeinheit, erfordert folglich große Zuckermengen, macht Krebszellen abhängig von einer einzigen Energiequelle und produziert gleichzeitig hohe Mengen an zellschädigender Milchsäure. Warum nutzen Krebszellen dann trotzdem diesen ungünstig erscheinenden Energiegewinnungsweg? Die Antwort liegt in einigen wichtigen Überlebensvorteilen, die die aerobe Glykolyse mit sich bringt:

  • Ausreichende Energiegewinnung im sauerstoffarmen Tumorinnern: Je größer ein Tumor wird, umso schlechter werden die innenliegenden Tumorzellen mit Sauerstoff versorgt. Glukose kann hingegen immer noch leicht bis ins Innere vordringen und von diesen Blutgefäß-fernen Zellen als Energiequelle genutzt werden.
  • Schnelle Energiebereitstellung: Das Wachstum von Krebszellen erfordert schnellverfügbare Energie. Aufgrund der Sauerstoffabhängigkeit ist die Energiebereitstellung durch die Mitochondrien jedoch begrenzt und erfolgt nur in dem Maße, in dem Sauerstoff nachgereicht wird. Die Energiegewinnung über die Zuckervergärung ist nur abhängig von der Zuckerverfügbarkeit, die jedoch aufgrund unserer kohlenhydratreichen Ernährungsweise keinen limitierenden Faktor für die Krebszelle darstellt.
  • Schutz vor Radikalbildung: Während der Energiegewinnung in den Mitochondrien entstehen als Nebenprodukte von Zeit zu Zeit reaktive Sauerstoffradikale (ROS) und somit zellschädigender oxidativer Stress. Der hohe Energiebedarf der Krebszelle würde diesen Prozess stark beschleunigen und schnell zu deren Untergang beitragen. Die Zuckervergärung ermöglicht die Energiegewinnung ohne zellschädigende Radikalbildung.
  • Schützende Milchsäurehülle und Matrixdegeneration: Während der Zuckervergärung entstehen hohe Mengen Milchsäure, die zum Schutz der Zelle nach außen transportiert werden. Der Tumor ist so umgeben von einem sauren Milieu, das das umliegende Gewebe zerstört (Matrixdegeneration) und die invasive Ausbreitung der Krebszellen ermöglicht. Gleichzeitig schützt die Milchsäurehülle streuende Krebszellen vor dem Angriff durch Immunzellen in der Blutbahn.
  • Therapieresistenz: Durch das „Abschalten“ der Mitochondrien schützen sich vergärende Krebszellen zudem vor Therapien, die auf eine vermehrte Radikalbildung (Bestrahlung) oder auf eine gezielte Auslösung des Zelltods, der Apoptose (Chemotherapie) abzielen [15] [16].

Wachstumsfaktor Insulin

Zucker spielt jedoch nicht nur als bevorzugte Energiequelle vergärender Krebszellen eine zentrale Rolle für die Krebsentwicklung. Erhöhte Blutzuckerspiegel begünstigen bereits die Entstehung einer Krebserkrankung. Verantwortlich hierfür ist das Hormon Insulin, welches nach jeder zucker- oder stärkereichen Mahlzeit ausgeschüttet wird, um den Blutzuckerspiegel wieder auf ein Normalmaß zu senken. Insulin selbst, aber auch der Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor IGF-1 wirken als Wachstumsförderer, die in Zellversuchen das Wachstum, die Ausbreitung und Metastasierung von Tumorzellen anregten [17] [18]. Dies zeigt sich besonders dann, wenn die Insulinspiegel wie bei einem Typ-2-Diabetes dauerhaft im Blut erhöht sind. Diabetiker tragen ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsformen wie Brust-, Gebärmutter-, Darm-, Magen-, Leber-, Blasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs [19]. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Diabetiker beispielsweise an Brust- oder Darmkrebs erkrankt ist etwa 23% bzw. 26% höher als für einen Nicht-Diabetiker [20]. Auch unabhängig von einem Diabetes fanden verschiedene Studien Hinweise, dass eine kohlenhydratreiche Ernährung das Krebsrisiko erhöht [21]. Bereits zur Vorbeugung von Krebs ist es sinnvoll, die Kohlenhydrataufnahme moderat zu halten und hohe Blutzuckerspitzen gefolgt von einer hohen Insulinausschüttung zu vermeiden. Doch auch in der Nachsorge spielt eine kohlenhydratarme Ernährung weiterhin eine Rolle. So konnten Wissenschaftler unter anderem belegen, dass eine kohlenhydratreiche Ernährung die Rückfallrate bei Darmkrebspatienten erhöht, während die Überlebenschance sinkt [22]. Frauen, deren Brustkrebs positiv für den IGF-Rezeptor war, erhöhen ihre Rückfallquote durch eine hoch-glykämische, kohlenhydratreiche Ernährung sogar um 500% [23].

Ketogene Ernährung statt Fasten

Vereinzelte Fallberichte von Patienten, die vor einer Chemo- oder Strahlentherapie für einige Tage fasteten, deuteten immer wieder eine bessere Verträglichkeit der Therapie und beispielsweise weniger Müdigkeit, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen hin [24]. Aus Maus- und Zellversuchen weiß man, dass der fastenbedingt niedrige Blutzuckerspiegel und die geringeren Spiegel an IGF-1 hierbei eine wichtige Rolle spielen [25].
Doch Fasten ist nicht für jeden Krebspatienten geeignet und birgt die Gefahr, weitere überlebenswichtige Körpersubstanz zu verlieren. Eine ketogen Ernährung ist in der Lage, den Blutzucker- sowie den IGF-1-Spiegel zu reduzieren, den gesunde Zellen auf einen Fastenstoffwechsel umzustellen und dennoch den Körper mit Energie, Eiweiß sowie Mikronährstoffen zu versorgen.

Welche Belege für die Wirksamkeit gibt es bisher?

Viele Kritiker von ketogenen Ernährungskonzepten bemängeln, dass es nur wenige Studien zur Wirksamkeit am Menschen gibt. Tatsächlich stammen viele Erkenntnisse zur Wirkung eines Zuckerentzugs bzw. einer Hemmung des Vergärungsstoffwechsels auf das Krebswachstum und die Therapiesensitivität aus Zelle- und Tierversuchen (einige dieser Studien haben wir hier für Sie zusammengefasst: Literaturliste).

Ein grundlegendes Problem mit Humanstudien ist jedoch: diese kosten enorm viel Geld. Doch welches Großunternehmen hat Interesse, Geld für die Erforschung eines Ernährungskonzepts zu investieren, das theoretisch mit einfachen Lebensmitteln umsetzbar ist? Leider keins, so dass wir bislang nur auf die vielen positiven Fallberichte aus der Praxis und die Ergebnisse von Kliniken, die Fasten oder ketogene Ernährung bei ihren Patienten einsetzen, zurückgreifen müssen. Doch der Trend derzeit zeigt, dass durch die wachsende Zahl an vielversprechenden Erkenntnissen aus Zell- und Tierversuchen immer mehr Forschergruppen und Kliniken bereit sind, eigene kleine Studien an Patienten durchzuführen.

Erste Studien zur Verträglichkeit und Wirksamkeit am Patienten:

  • Klinik Schweinfurt: Sechs Patienten ernährten sich eigenständig ketogene während sie sich einer Bestrahlung unterzogen. Vier hiervon erreichten einen ausreichenden Ketonkörperspiegel im Serum. Alle Patienten verloren an Gewicht, jedoch nur an Fett- nicht aber an Muskelmasse. Die Gesamtverfassung während der Bestrahlung war insgesamt sehr positiv und alle fühlten sich gut mit der Diät. Fünf der Patienten erreichten wie erwartet eine Rückentwicklung des Tumors. Lediglich ein Patient mit metastasiertem kleinzelligen Lungenkrebs zeigte einen leichten Krankheitsfortschritt, der jedoch schneller voran schritt als die Diät abgesetzt wurde [26].
  • ERGO-Studie: Die Studie der Universitätsklinik Tübingen untersuchte die Wirkung einer ketogenen Ernährung bei 20 Patienten mit wiederholtem Glioblastom (unheilbare und schwer behandelbare Hirntumorform). Während der Behandlung traten keine schweren Nebenwirkungen auf. Im Ergebnis wurde die ketogene Diät als durchführbar und sicher eingeschätzt, die jedoch nur als unterstützende Therapieoption sinnvoll ist [27].
  • Uniklinikum Würzburg: Die Universitätsklinik in Würzburg bietet Patienten die Möglichkeit, neben der Standardtherapie eine öl- und eiweißbetonte Diät durchzuführen. Patienten, die die 3-monatige Therapiezeit mit der ketogenen Kost umsetzen konnten zeigten einige Verbesserungen hinsichtlich ihrer Lebensqualität und einiger Blutparameter [28].
  • Universität Pittsburgh, USA: Die Forscher analysierten die Daten von 53 Patienten mit Glioblastom, von denen während der Behandlung sechs eine ketogene Diät durchführten. Die Diät wurde gut vertragen und die Nebenwirkungen der Therapie waren verhältnismäßig gering. Im Vergleich zu den anderen Patienten waren die Blutzuckerwerte der Patienten unter ketogener Diät trotz Steroidtherapie im Normalbereich [29].
  • Leiden Universität, Niederlande: Dreizehn Patientinnen mit Her2-negativen Brustkrebs wurden untersucht, von denen 7 vor und nach der Chemotherapie einen Tag fasteten. Bei ihnen wirkte sich die Chemotherapie im Vergleich zu den nicht-fastenden Frauen weniger auf die Blutwerte aus. Insbesondere die Erythrozyten- und Thrombozytenwerte waren deutlich besser [30].

Warum sich der Versuch lohnt?

Eine kohlenhydratarme Ernährung bringt für den Patienten auch ungeachtet eines direkt krebshemmenden Effekts eine Reihe von Vorteilen:

  • ausreichend Energie durch einen hohen Fettanteil,
  • Zufuhr von wichtigen Eiweißbausteinen zum Erhalt der Körpersubstanz, des Immunsystems und der Stoffwechselleistung,
  • Aufnahme wichtiger Vitamine und Mineralstoffe sowie bioaktiver Pflanzenwirkstoffe über kohlenhydratarmes Gemüse, Beeren, Nüsse, Kräuter und Gewürze,
  • Zufuhr essenzieller entzündungshemmender Fettsäuren über hochwertige Pflanzenöle, Nüsse und fettreichen Kaltwasserfisch,
  • Reduktion von krebsrelevanten Risikofaktoren durch Senkung des Blutzucker- und Insulinspiegels sowie durch Verringerung von Übergewicht bzw. entzündungsfördernder Fettmasse.

Da der Körper evolutionär daran angepasst ist, auch mit einer geringen Kohlenhydratzufuhr leben zu können, sind langfristige Nebenwirkungen einer Kohlenhydratreduktion unwahrscheinlich.
Nicht zuletzt gibt die Option, mithilfe einer an die Besonderheiten des Tumorstoffwechsels angepasste Ernährung die eigene Therapie unterstützen zu können, vielen Krebspatienten das Gefühl zurück, selbst aktiv etwas zu ihrer Genesung beitragen zu können. Dies hat einen enormen psychologischen Effekt, der für die Therapie nicht zu unterschätzen ist.

Quellen
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2.  Aykin-Burns, N. et al. (2009): Increased levels of superoxide and H2O2 mediate the differential susceptibility of cancer cells versus normal cells to glucose deprivation. Biochem J 418 (1): 29–37. [Link zum Artikel].
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